Gedenkbuch

Winter, Emma

geb. Cahn

Emma Winter kam am 15. August 1899 als jüngste Tochter von Jacob Cahn (1857-1909) und Henriette Cahn (1854-1929), geborene Harf, in Beckrath im Kreis Grevenbroich zur Welt. Sie hatte noch neun Geschwister: Emil Cahn (1879-1941), Julie Nathan, geborene Cahn (1882-1941), Max Cahn (1884-1942), Leo Cahn (1888-1914), David Cahn (geboren 1891), Paula Cahn (1893-1893), Hermann Cahn (1894-1943), Albert Cahn (1895-1895) und Ernst Cahn (1896-1956).
Am 14. August 1909 verstarb Emmas Vater Jacob Cahn im Alter von 52 Jahren in Mönchengladbach.
Emma Winter war ausgebildete Buchhalterin. Sie heiratete den Metzger Bernhard Winter, der am 14. Juli 1891 als Sohn von Ludwig Winter und Berta Winter, geborene Löb, in Bingen am Rhein zur Welt kam. Am 9. März 1932 wurde die gemeinsame Tochter Ruth Winter in Düsseldorf geboren.

Am 30. Januar 1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht.  Nachdem ihr Ehemann nicht mehr als Metzger arbeiten durfte, führte sie gemeinsam mit ihrem Mann Bernhard Winter einen Milchladen in der Siemensstraße 52. Allerdings durfte er nur jüdische Kundschaft beliefern. Den Umstand, dass er überhaupt noch ein eignes Geschäft führen konnte, hatte er dem Kreisfachschaftsleiter Nohl zu „verdanken“, der ihn schützte.

Emma Winter, ihr Ehemann und ihre Tochter erlebten die Gewalt- und Zerstörungswelle der Pogromnacht vom 9./ 10. November 1938. Der Laden und die Wohnung in der Siemensstraße 52 wurden, bis auf das Schlafzimmer, zerstört. Den Lieferwagen, mit dem ihr Mann seinen kleinen Kundenkreis noch beliefern konnte, wurde nach dem Überfall in Beschlag genommen. Nun war nicht nur der private Lebensmittelpunkt, sondern auch die einzig noch verbliebene Existenzgrundlage der Familie von den Nationalsozialisten zerstört worden. In einer Akte, die die Gestapo über ihren Mann anfertigte, steht, dass er „(Metzger) Milchhändler bis 31.10.38, dann erwerbslos [war]“.

Emmas Mann wurde „im Zuge der Vergeltungsaktion“, wie es in der Gestapo Akte heißt, am 11. November 1938 festgenommen und am 16. Dezember 1938 ins Konzentrationslager Dachau „überführt“. Bernhard Winter wurde am 17. November 1938 als „Häftling“ mit der Nummer 29485 im Konzentrationslager registriert. Der jüdische Rechtsanwalt Dr. Max Mendel wand sich am 3. Dezember 1938 an die Gestapo Düsseldorf und beantragte die „Entlassung aus [der] Schutzhaft“. Dem Antrag wurde stattgegeben und ihr Mann wurde am 12. Dezember 1938 aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen. Infolge seiner Inhaftierung versuchte ihr Mann die Ausreise seiner Familie zu ermöglich, allerdings ohne Erfolg.

Emmas Tochter Ruth wurde 1938 möglicherweise auf der Jüdischen Schule Düsseldorf eingeschult. Sie besuchte den Unterricht für drei Schuljahre.
Am 17. November 1939 zogen Emma Winter von der Germaniastraße 28 und ihre Familie in die vierte Etage des Wohnhauses im Fürstenwall 198. Ihr Mann Bernhard Winter musste Zwangsarbeit in Düsseldorf leisten, sein dazu ausgestelltes Arbeitsbuch hatte die Nummer 169/248417. Zwei Jahre später, am 27. Oktober 1941, wurden Emma Winter, ihr Mann Bernhard und die gemeinsame Tochter Ruth, die zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt war, ins Ghetto Litzmannstadt/Łódź deportiert. Emmas Bruder Max Cahn, seine Frau Julie Cahn, geborene Daniel, und ihre beiden Kinder Kurt und Irmgard wurden ebenfalls am 27. Oktober 1941 ins Ghetto deportiert. Als die Familie im Ghetto ankam, wurden sie der sogenannten „Kollektivunterkunft“, einer Sammelunterkunft des „Düsseldorfer Transports“, in dem ehemaligen Schulgebäude in der Fischstraße 15 zugeteilt. Emmas Bruder Max Cahn und seine Familie lebten in derselben „Kollektivunterkunft“. Dort mangelte es an lebensnotwendigen Ressourcen, Hygieneeinrichtungen und Sanitäranlagen.
Im Ghetto musste ihr Mann Bernhard Winter erneut Zwangsarbeit leisten. Dazu musste er sich am 14. Dezember 1941 zusammen mit anderen Fleischern beim Kommissar der Fleischzentrale des Ghettos melden. Am 29. April 1942 wurde mit der Bekanntmachung Nr. 380 angekündigt, dass Jüdinnen und Juden „aus dem Altreich, Luxemburg, Wien und Prag nach Litzmannstadt-Ghetto eingesiedelten Juden“ ausgesiedelt, d.h. deportiert werden sollten. Emma Winter, Bernhard Winter und die gemeinsame Tochter Ruth Winter erhielten eine „Ausreiseaufforderung“. Ihr Mann konnte jedoch eine Rückstellung vom elften (XI) „Aussiedlungstransport“ am 14. Mai 1942 erreichen. Mitte Mai 1942 wurden die „Kollektivunterkünfte“ aufgelöst, sodass Emma Winter mit ihrer Familie in die Wohnung 6 in der Hanseatenstraße 16 zog. Damit konnte die Familie zunächst im Ghetto bleiben.

Am 4. September 1942 wurde bekannt gegeben, dass die „Aussiedlung“ von Kindern unter zehn Jahren, Erwachsenen, die älter als 65 Jahre alt waren und „nicht arbeitsfähigen Personen“, geplant wurde. Emmas Tochter Ruth war erst vor wenigen Monaten zehn Jahre alt geworden und somit vorerst „sicher“ vor einer Deportation, wie der Judenälteste Chaim Rumkowski den verängstigten Ghettobewohner- und Bewohnerinnen in einer Ansprache mitteilen musste.
Doch Emmas Mann Bernhard Winter wurde im September 1942 gemeinsam mit 160 Personen aus dem „Düsseldorfer Kollektiv“ ins Vernichtungslager Chełmno (Kulmhof) deportiert und dort ermordet.
Nach der Ermordung ihres Mannes, zogen Emma Winter und ihre Tochter Ruth Winter am 15. Dezember 1942 in die Wohnung 11 in der Hohensteinerstraße 42. Zwei Monate später, am 14. Februar 1943, verstarb Emma Winter. Als offizielle Todesursache wurde „Lungentuberkulose“ in der „Abmeldung“ verzeichnet. Ihre Tochter Ruth Winter war nun Vollwaise und im Ghetto auf sich alleine gestellt. Sie wohnte seit dem 10. Dezember 1943 in der Wohnung 36 in der Steinmetzstraße 9. Am 19. Juni 1944 wurde ihre Tochter in das Gefängnis des Ghettos gebracht und musste dort vier Tage ausharren, bis sie am 23. Juni 1944, mit dem Transport Nr. 211, in das Vernichtungslager Chełmno/Kulmhof gebracht wurde. Dort wurde Ruth Winter am 24. Juni 1944 mit zwölf Jahren ermordet.

Auch Emmas Geschwister überlebten die Shoah nicht. Ihre Brüder Emil Cahn und Hermann Cahn sowie ihre Schwester Julie Nathan, geborene Cahn, wurden am 10. November 1941 von Düsseldorf ins Ghetto Minsk deportiert. Ihr Bruder Max Cahn wurde im Vernichtungslager Chelmno/Kulmhof ermordet.

Autorinnen: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und Maren Marohn, Förderkreis der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf e.V.