Pineas, Therese
geb. OppenheimerAm 20. November 1860 kam Therese Pineas als Tochter des Ehepaars Levi und Sophie Oppenheim, geborene Van Bingen, in Vreden zur Welt. Ihre Mutter war Niederländerin. Sie war 1826 in Winterswijk zur Welt gekommen. Ihr Vater Levi Oppenheimer stammte aus Vreden, wo er 1820 geboren worden war. Therese war das jüngste von insgesamt fünf Kindern. Sie hatte einen Bruder und drei Schwestern. Als Therese 18 Jahre alt war, verstarb ihre Mutter in Vreden.
Therese Oppenheimer heiratete 1891 den Kaufmann Aron Pineas. Ihr Mann stammte aus Kleve, wo er am 18. Mai 1855 zur Welt gekommen war. Das Paar bezog eine gemeinsame Wohnung in Düsseldorf. Auch ihre Schwester Jeanette (1849-1928) lebte mit ihrem Ehemann Louis Gottschalk in Düsseldorf. Am 6. Mai 1892 wurde in Düsseldorf Thereses erster Sohn Hermann geboren. Es folgte am 5. März 1894 die Tochter Sofie. Am 24. April 1897 kam der zweite Sohn Leo zur Welt. Als Nesthäkchen wurde am 16. Februar 1905 in Düsseldorf der Sohn Victor geboren.
Zusammen mit ihrem Ehemann führte Therese Pineas ab 18. April 1895 in Düsseldorf die Firma „Th. Oppenheimer“. Anlässlich der Eheschließung hatten sie eine beschränkte Gütergemeinschaft vereinbart, darin hieß es: „Die Brautleute Aron Pineas, Buchhalter, und Therese Oppenheimer, Inhaberin eines Damenconfectionsgeschäft zu Düsseldorf“. Sie wohnten zu diesem Zeitpunkt in der Hohestraße 15, dort befand sich auch das Konfektionsgeschäft „Th. Oppenheimer“. Auf Werbeanzeigen hieß es „Stets Neuheiten in Damen- und Kinder-Mänteln aus nur soliden Stoffen empfiehlt zu außergewöhnlich billigen Preisen Th. Oppenheimer“. Am 28. August 1897 wurde die Firma wieder aus dem Düsseldorfer Handelsregister gelöscht. Danach arbeitete ihr Ehemann wieder als Buchhalter. Seit 1897 wohnte die Familie Pineas in der Elisabethstraße 54.
Am 20. Januar 1898 verstarb ihr Vater Levi Oppenheimer an einem Herzinfarkt in Düsseldorf. Er hatte zuletzt in der Hochstraße 22 gewohnt.
Ihr Sohn Leo besuchte die Städtische Oberrealschule am Fürstenwall. Sohn Hermann kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg und wurde verwundet. Er hatte als Folge zeitlebens einen streifen Arm. 1918 heiratete er in Berlin und lebte auch dort. Ihre Tochter Sophie absolvierte nach der Schule eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete in einem Büro.
Am 16. Oktober 1926 verstarb ihr Ehemann Aron Pineas in Düsseldorf im Alter von 72 Jahren. In der Todesanzeige hieß es: „Heute früh entschlief sanft nach kurzer schwerer Krankheit mein heißgeliebter Gatte, unser lieber Vater“. Ihr Mann wurde auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Ulmenstraße begraben. Die Trauergebete wurden in der Sterbewoche im Haus Elisabethstraße 54 abgehalten.
Noch im gleichen Jahr heiratete ihre Tochter Sophie. Sie vermählte sich am 28. November 1926 mit dem Kölner Wilhelm Baehr und zog nach der Hochzeit nach Köln. Nun wohnte nur noch ihr Sohn Leo bei ihr in der Elisabethstraße 54. Als er am 15. Juni 1934 Mathilde Holzmann, die auch Tilly genannt wurde, aus Bad Homburg heiratet zog er mit seiner Frau in eine eigene Wohnung in die Klever Straße 31. Am 19. Januar 1937 gab es ein schönes Ereignis zu feiern: ihre Enkeltochter Hannelore wurde geboren.
Im Zuge des Pogroms im November 1938 wurde Therese Pineas in ihrer Wohnung überfallen. Die Möbel wurden mit Beilen zerschlagen, die Vorhänge zerschnitten und alles durch die zerhackten Fensterkreuze auf die Straße geworfen. Ihr Sohn Hermann berichtete darüber nach dem Krieg: „Am 6. November 1938 war ich zum 90. Geburtstag von Louis Cohen, dem Vater meines guten Freundes Josef in Düsseldorf, und auch zum Gottesdienst in der Synagoge. Mit Mutter war verabredet worden, dass sie baldigst zu uns nach Berlin ziehen sollte, da vorauszusehen war, dass man ihr als einzelner Frau die Wohnung, in der sie seit 1897 gewohnt hatte, nicht länger belassen würde. Im Zuge der Rath-Aktion zerstörte man der 78-jährigen Frau heldenhaft die Wohnung, sodass sie noch im selben Monat schweren Herzens zu uns nach Berlin übersiedelte.“
Therese Pineas zog am 26. November 1938 von Düsseldorf nach Berlin. Dort wohnte ihr Sohn Dr. med. Hermann Pineas mit seiner zweiten Frau Hertha, geborene Appel. Sie lebte fortan in seinem Haushalt in der Levetzowstraße 11a in Berlin Moabit. Ihr Sohn Hermann Pineas wurde im Sommer 1939 Leiter der Nervenabteilung des Jüdischen Krankenhauses Iranische Straße. Ihr Sohn Hermann Pineas berichtete über die Berliner Zeit seiner Mutter: „Sie hat dort das zeitbedingte Aufblühen meiner Praxis miterlebt, die Abreise der Kinder im Oktober 38 bezw. Juni 39 betrauert, so sehr sie auch von der Richtigkeit für die Kinder überzeugt war.“
Ihr Sohn schreibt in seinen Erinnerungen an den Rabbiner Dr. Leo Baeck: „Es erfüllte uns mit bewunderndem Erstaunen, dass er im Dezember 1940, einer Zeit voller Probleme für den Präsidenten der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Zeit und Musse fand, meiner bei uns wohnenden Mutter zu ihrem 80. Geburtstag einen Gratulationsbesuch abzustatten.“
Therese Pineas wurde am 14. September 1942 mit einem „Altentransport“ aus Berlin ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Ihr Sohn Hermann schrieb darüber: „sie ist am 14. September 1942 nach Theresienstadt „abgewandert“, klaglos und gottergeben wie stets in ihrem Leben. Bis heute habe ich nichts mehr von ihr gehört.“
Sie verstarb im Ghetto am 2. Juli 1944. Ihr Sohn Hermann Pineas überlebte versteckt ab März 1943 mit seiner zweiten Ehefrau die NS-Zeit. Er notierte in seinen Erinnerungen nach dem Krieg: „Anfang 1946 erfuhren wir durch einen Überlebenden aus Theresienstadt, der dort im Krankenhaus gepflegt hat und sich Mutters seltenen Namens erinnerte, dass sie im Krankenhaus nach Dysenterie an Entkräftung gestorben ist. Nach Dr. Baecks Mutmaßung war es noch im Jahre 1942.“
Auch Thereses Sohn Leo Pineas war mit seiner Ehefrau Tilly und der vierjährigen Hannelore deportiert worden. Ihr Transport führte vom Düsseldorfer Güterbahnhof Derendorf am 10. November 1941 ins Ghetto Minsk. Auch sie haben nicht überlebt.