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Gedenkbuch

Klein, Siegfried

Siegfried Klein kam am 31. Dezember 1882 als Sohn von Julius Klein und Jenny, geborene Grunwald, in Rheydt zur Welt. Er hatte einen Bruder, Alfred Klein (21.05.1875 Rheydt – 14.05.1942 Vernichtungslager Chełmno), und zwei Schwestern: Meta Klein (21.05.1885 Rheydt – 1968 Schweiz) und Elise Rosa Meyer, geborene Klein,(01.01.1877 Rheydt – 21.09.1942 Vernichtungslager Treblinka).

Sein Vater Julius Klein war schon in jungen Jahren nach Rheydt gekommen und hatte mit dem in Meseritz geborenen Bernhard Grunwald einen Textilgroßhandel gegründet. Um 1874 heiratete er dessen Schwester Jenny. 1880 schied Bernhard Grunwald aus der Firma aus und zog nach Berlin. 1889 wurde Siegfried Moseska als Teilhaber aufgenommen und die Firma „Klein & Moseska“ gegründet, die sich langsam etablieren konnte. 

Siegfried Klein besuchte zunächst die jüdische Volksschule und das Progymnasium in Rheydt und ab Ostern 1899 das Humanistische Gymnasium in Mönchengladbach. 1899 wurde sein Vater Julius Klein zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Rheydter Synagogengemeinde gewählt. Ostern 1902 bestand Siegfried Klein das Abitur. Im Anschluss begann er seine rabbinischen Studien an der Hochschule für die Wissenschaften des Judentums in Berlin. Von 1904 bis 1914 war er als Religionslehrer an den Religions- und höheren Schulen in Berlin tätig. Gleichzeitig studierte er an den Universitäten Berlin und Freiburg orientalische Sprachen, Geschichte und Philosophie. Seine Promotion verfasste er über das Thema „Tod und Begräbnis zur Zeit der Tammaiten“.

Siegfried Klein leistete seine Militärdienstzeit beim Königin-Augusta-Garde-Grenadierregiment ab und wurde im Ersten Weltkrieg zum Kriegsdienst eingezogen. 15 Monate lang wurde er an der Front eingesetzt und am 17. März 1915 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Während eines Fronturlaubs 1915 legte er sein Rabbinerexamen ab. Kurz vor seiner Ernennung zum Offizier wurde er als Feldrabbiner berufen und wirkte in dieser Funktion von 1916 bis 1918 an der Westfront. In einem Schreiben vom 8. August 1916 berichtete er einem Kollegen über seine Ausstattung als Feldrabbiner: „Ich habe für mich alles erreicht, was mir im Interesse der Sache wichtig erschien. Ich habe ein kleines Auto sowie Pferd und Wagen zur Verfügung in meinem Quartier ein Büro, Wohnräume und einen Betsaal für ca. 80 Personen und bekomme eigenes Telefon.“ Am 10. Mai 1918 erhielt er das Verwundetenabzeichen in Schwarz.

1919 wurde Dr. Siegfried Klein neben Dr. Max Eschelbacher Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Er heiratete am 7. August 1920 Lilli Plotke aus Berlin. Das Paar wohnte in Düsseldorf in der Kaiserstraße 43. Die beiden bekamen zwei Kinder: die Tochter Hanna kam am 12. Juni 1923 in Düsseldorf zur Welt, der Sohn Julius wurde am 4. April 1925 in Düsseldorf geboren.

Von 1919 bis 1935 unterrichtete Dr. Siegfried Klein regelmäßig das Fach „Jüdische Religion“ an der Luisenschule in Düsseldorf. Er gehörte dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbandes an, leitete den rheinisch-westfälischen Rabbinerverband, führte den Verband der jüdischen Jugendvereine und war Schriftleiter der Gemeindezeitungen der Synagogenbezirke Essen, Wuppertal, Mönchengladbach, Dortmund und Düsseldorf. Für den Synagogenbezirk Düsseldorf war er von 1930 bis zum November 1938 auch Herausgeber der Gemeindezeitung, deren Artikel er zu einem erheblichen Teil selbst verfasste. Im März 1937 ermittelte die Gestapo gegen ihn und den Druckereibesitzer Richard Perlstein wegen Fehlens des Impressums in einer Ausgabe der Gemeindezeitung. Zu einer Anklage kam es aber nicht. Dr. Siegfried Klein war auch Mitglied im „Makkabi Düsseldorf“, in dessen Vorstand er 1934 und 1938 als Beisitzender berufen wurde. Im August 1938 versuchte Siegfried Klein die Ausreise seiner Familie in die Niederlande zu organisieren, weshalb ihm die Gestapo am 30. August 1938 den Reisepass entzog. Siegfried Klein wohnte 1938 in der Friedrichstraße 59a und wurde im Zuge des Novemberpogroms vom 10. bis zum 22. November 1938 im Polizeigefängnis inhaftiert. Seine Frau und sein Sohn Julius wurden in der Nacht zum 10. November 1938 ebenfalls verhaftet, am 11. November 1938 aber wieder freigelassen. In der Folgezeit gelang es dem Ehepaar Klein, die Kinder Hanna und Julius mit einem Kindertransport nach England zu schicken.

Siegfried Klein und seine Frau blieben in Düsseldorf und versuchten die eigene Emigration in die Wege zu leiten. In einem Brief vom 29. Mai 1939 versuchte Siegfried Klein seiner Tochter Hanna, die unter der Trennung von den Eltern litt, Mut zu zusprechen. Er schrieb: „Das Denken darf nicht „furchtbar“ sein, Du hast doch auch Anlass und Grund, an Schönes zu denken, das Du genossen hast, und an das, was nun vor Dir liegt: ein Leben, das Dich weiter führt, hoffentlich zu Deiner und unserer Zufriedenheit, in dem Dir alle Möglichkeiten offen stehen. Wir Älteren leben nur von der Erinnerung der schönen Jahre, die wir gehabt haben und von der Hoffnung, dass unsere Kinder es wieder einmal so bekommen, wie wir es gehabt haben. Diese Gedanken halten uns in all dieser Misere, in der wir leben aufrecht. Denke einmal daran, wie es mir im Kriege ging. Aus sorglosem Studenten- und Berufsleben ging es hinaus ins Ungewisse, jeden Tag den Tod vor Augen. Aus dem geregelten, selbstverständlichen Leben ins Ungewisse und Ungeregelte. Wochen- und monatelang ohne Bett, ohne Möglichkeit, die Kleider zu wechseln, bei ungewohntem Essen, manchmal Hunger, bei ungewohnter körperlicher harter Arbeit, in einer Umgebung, die meist geistig tief unter mir stand. Und doch ging es, und man ist dabei derselbe geblieben, nicht verkommen und nicht verroht. Glaubst Du, dass das leicht war? Ich habe dabei immer Hillels Spruch vor Augen gehabt und menschlich gewonnen, habe mir Pflichten geschaffen, für meine Leute gesorgt, gesucht, diese, mir bis dahin unbekannten Menschen zu verstehen und, sobald es möglich war, zu lesen, habe mir vieles vom Herzen geschrieben im Tagebuch und in Briefen nach Hause. So ist es gegangen, und so ist es gekommen, dass ich, als ich Feldrabbiner wurde, keine Umstellung brauchte, sondern die Erfahrungen der schweren Zeit nutzen konnte. Unendlich viel verdankte ich meiner Jüdischkeit. Immer wieder zog ich Kraft aus der Feldbibel, in der ich so viel Kräftigendes Aktuelles fand.“

Die Einstellung, die Siegfried Klein versucht seiner Tochter weiterzugeben, half ihm sicherlich auch später, die Zeit im Ghetto von Litzmannstadt (Łódź) durchzustehen. Seine Tochter Hanna beschrieb ihren Vater 1997 in einem Interview folgendermaßen: „Ich habe meinen Vater sehr verehrt, er war wirklich für seine Gemeinde da, war aber, wie gesagt, ein ewiger Optimist, er hat nicht geglaubt, dass Hitler so etwas machen würde, er konnte es sich nicht vorstellen.“

Am 27. Oktober 1941 wurde er mit seiner Frau und seinem Bruder von Düsseldorf in das Ghetto von Litzmannstadt/Łódź deportiert. Bei diesem Transport wurde Siegfried Klein zusammen mit Dr. Otto Mayer und der Gemeindeschwester Elfriede Bial zum „Transportleiter“ bestimmt. Er schrieb später im Ghetto, dass er sich freiwillig dem Transport angeschlossen hätte, um seine Gemeinde weiter betreuen zu können. Nach seiner Deportation wurde seine umfangreiche Bibliothek zum Teil zerstört und versteigert – den Eingang von 315 Büchern bestätigte am 21. November 1941 die Devisenstelle der Oberfinanzdirektion. Alte hebräische Schriften, Lexika und Enzyklopädien waren für das RSHA, Amt VII, versandfertig gemacht und Anfang 1942 nach Berlin geschickt worden, wie es in einer Notiz der Gestapo vom 21. Januar 1942 heißt.

Im Ghetto von Litzmannstadt/Łódź musste Siegfried Klein mit seiner Frau zunächst in das Zimmer 7, später 10, der Kollektivunterkunft Fischstraße 21 einziehen. Am 23. November 1941 wurde der „Düsseldorfer Transport“ zum „Düsseldorfer Kollektiv“ und Siegfried Klein wurde als Leiter eingesetzt. Erstmals musste er in dieser Funktion am 7. November 1941 zu Chaim Rumkowski, dem Ältesten der Juden, in den Baluter Ring zu einer Besprechung erscheinen. Im Dezember 1941 erhielt er zwei Postanweisungen über 19,30 Mark und über 9,00 Mark, wovon er zwei Drittel an die Solidargemeinschaft des „Düsseldorfer Kollektivs“ abführen musste. Anfang Dezember 1941 war Siegfried Klein erkrankt. Am 3. Dezember 1941 korrespondierte er mit der Rabbinats-Kanzlei im Ghetto. Darin führte er an, dass er „immer noch nicht ausgehen“ dürfe, ihm der Arzt aber am nächsten Tag vermutlich dieses wieder genehmigen werde. In der Folgezeit kümmerte sich Rabbiner Klein intensiv um die Belange des „Düsseldorfer Kollektivs“ und leitete die diesbezüglichen Besprechungen, zahlreiche Listen und Dokumente tragen seine Handschrift. 

Als im Mai 1942 die Aussiedlungen ehemals reichsdeutscher Juden begannen, organisierte Rabbiner Klein die Erstellung von Anträgen auf „Rücknahme“ der „Aussiedlungen“. In der Ghetto-Tageschronik Nr. 29 ist verzeichnet, dass Rabbiner Dr. Siegfried Klein am 9. Mai 1942 – also während der Aussiedlungen – einen Gottesdienst im „Düsseldorfer Kollektiv“ abhielt: „Gottesdienst. Rabbi Dr. Klein hielt im Kollektiv des Düsseldorfer Transports während der Samstagsgebete eine Predigt, die dem Schicksal der Brüder gewidmet war, die ausgesiedelt werden.“

Für sich und seine Frau konnte Rabbiner Dr. Klein die „Aussiedlung“ aufgrund seiner Weltkriegsauszeichnungen abwenden. Die beiden zogen am 15. Mai 1942 in ein Zimmer der Wohnung 50 in der Fischstraße 21. Siegfried Klein arbeitete vom 1. Juni 1942 bis zu dessen Auflösung Anfang September 1942 als Seelsorger im Greisenheim in der Gnesener Straße. Er musste mehrmals in das Krankenhaus des Ghettos eingeliefert werden. Seine Frau Lilli verstarb am 3. August 1942 an den Folgen der konstanten Unterernährung.

Nach den „Aussiedlungen“ im Zuge der Sperre Anfang September 1942 wurde das Greisenheim aufgelöst und Siegfried Klein am 30. September zur Verfügung der Personalabteilung des Ghettos gestellt, wie es in einem Dokument vom Oktober 1942 heißt. Siegfried Klein lebte bis 1944 im Ghetto und wurde im Zuge der Auflösung des Ghettos im August 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die Überlebende Flora Herzberger aus Mönchengladbach berichtete am 6. April 1946 einer gemeinsamen Bekannten: „Frau Dr. Klein starb an Entkräftung im Juli 1942. Herr Dr. Klein dagegen lebte auch bis 44, war aber auch schon vollkommen von Kräften und sehr krank, kam dann auch in Auschwitz ums Leben.“

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf