Kussel, Hugo
Am 16. Februar 1894 kam Hugo Kussel in Gruiten zur Welt. Seine Eltern waren der Metzger Herz Hermann Kussel und dessen Frau Jeanette, geborene Moser. Sein Vater stammte aus Gruiten, wo er 1861 zur Welt gekommen war. Seine Mutter war 1862 in (Düsseldorf-) Gerresheim geboren worden.
Sein Vater arbeitete als Viehhändler und Metzger. Hugo hatte noch drei Brüder: Walter (13.12.1895), Arthur (12.01.1898) und Max (30.08.1899) und eine Schwester Esther Ernestine (18.03.1893). Die Familie wohnte in Gruiten im Haus am Quell, Flurbezeichnung Gruiten, Dorf 84.
Hugo und sein Bruder Walter wurden beide der Familientradition folgend Metzger. Sein Bruder Arthur erlernte den Beruf des Schuhmachers. Er war aufgrund einer Infektion mit Kinderlähmung stark gehbehindert.
Im Jahr 1917 kämpfte sein Bruder Walter als Soldat im Ersten Weltkrieg. In der Haaner Volks-Zeitung vom 6. März 1917 wurde vermerkt: „Der Musketier Walter Kussel, Infanterie=Regiment 173, Sohn von Metzger Hermann Kussel hierselbst, hat wegen Tapferkeit vor dem Feinde das Eiserne Kreuz erhalten.“ Walter verlor durch eine Kriegsverletzung seinen linken Arm. Trotzdem führte er nach dem Ersten Weltkrieg den elterlichen Schlachtbetrieb weiter.
Am 27. Mai 1920 zog Hugo Kussel nach Aurich. Dort heiratete er Marianne Wolff. Seine Frau war am 11. Juni 1891 in Aurich als Tochter von Levy und Fanni Wolff, geborene Jakob, zur Welt gekommen. In Aurich eröffnet Hugo Kussel einen Viehhandel.
Zunächst wohnen sie im Haus Wallstraße 10. Am 29. Juni 1922 kam die erste Tochter Netta zur Welt. Am 18. Februar 1925 wurde die zweite Tochter, Elfriede, in Aurich geboren.
Am 10. November 1925 verstarb in Gruiten sein Vater Hermann Kussel. Er wurde 64 Jahre alt. Hugos Mutter und seine Brüder lebten weiterhin in Gruiten. Seine Mutter lebte noch in Gruiten bis zum 18. Mai 1937.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 beginnen auch in Aurich die Boykottaktionen gegen Juden. Ein Fokus der Boykottpolitik ist gegen jüdische Viehhändler gerichtet. Schlachten nach jüdischem Ritus wurde bereits im April 1933 verboten. Die Bedingungen für die Fortführung seines Viehhandels wurden für Hugo Kussel immer schwieriger und er musste letztlich seinen Viehhandel aufgeben.
Im Januar 1938 zog Hugo Kussel mit seiner Familie in das Haus Marktstraße 18 in Aurich. Das Haus gehörte der Familie seiner Frau. Hier wohnte der alleinstehende Wolff Jacob Wolff.
Die Zeit vom 10. Juni bis zum 27. Juli 1938 verbrachte seine ältere Tochter Netta noch einmal bei ihnen in Aurich. Dann meldete sie sich zunächst nach Oldenburg und von dort nach Havelberg ab. Ihr gelang rechtzeitig die Ausreise nach Schweden.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge in der Kirchstraße 47 in Aurich von SA-Männern angezündet. In die Wohnhäuser jüdischer Familien wurde eingebrochen und die Einrichtung zerstört. Die jüdischen Familien wurden aus ihren Häusern getrieben und in der Landwirtschaftlichen Viehhalle eingesperrt. Später wurden vor allem Männer mit erzwungenen „Sport-Übungen“ gedemütigt und gequält. Gegen Ende des Tages wurden 42 Männer in „Schutzhaft“ genommen und letztlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Auch Hugo Kussel wurde verhaftet und über Oldenburg in das KZ Sachsenhausen deportiert. Am 17. Dezember 1938 konnte er zu seiner Familie nach Aurich zurückkehren.
Hugo Kussel musste nun irgendwie für den Lebensunterhalt seiner Familie sorgen. Einen eigenen Betrieb hatte er ja nicht mehr. Er arbeitete 1939 in Wilhelmshaven. Nur an den Wochenenden konnte er zu seiner Frau und seiner Tochter nach Aurich.
Seine jüngere Tochter Elfriede meldete sich am 27. Juli 1939 aus Aurich nach Hannover ab. Sie besuchte dann in Spreenhagen das Lehrgut „Gut Winkel“ und absolvierte dort einen Vorbereitungskurs für eine Auswanderung nach Palästina.
Als an alle jüdischen Einwohner Aurichs die Aufforderung erging, bis zum 1. April 1940 Ostfriesland zu verlassen, zog Hugo Kussel mit seiner Frau Marianne am 27. Februar 1940 nach Düsseldorf. Sie bezogen eine Wohnung im Haus Klever Straße 29. Später mussten sie in das Haus Düsselkämpchen 2 umziehen.
Als das Lehrgut „Gut Winkel“ 1941 auf Anweisung der Nationalsozialisten geschlossen wurde, kehrte Elfriede zu ihren Eltern nach Düsseldorf zurück. Laut Deportationsliste wohnte sie jedoch zuletzt nicht bei ihren Eltern, sondern in der Klever Straße 29. Als letzte Adresse ihrer Eltern ist auf der Deportationsliste Düsselkämpchen 2 vermerkt.
Am 10. November 1941 wurde Hugo Kussel zusammen mit seiner Frau Marianne und der Tochter Elfriede ins Ghetto von Minsk deportiert. Von Marianne und Elfriede Kussel verliert sich danach jede Spur.
Hugo Kussel muss als Zwangsarbeiter aus dem Ghetto Minsk in das Konzentrationslager Płaszów, südöstlich von Krakau, gekommen sein. Von dort wurde er am 4. August 1944 in das Konzentrationslager Flossenbürg verlegt. Dann begann eine Odysee durch mehrere Konzentrationslager: Natzweiler, Ravensbrück und zuletzt Mittelbau-Dora. Dann verliert sich auch die Spur von Hugo Kussel.