Gedenkbuch

Tugendhaft, Saul Beer Bernhard

Am 20. August 1885 kam Saul Beer Tugendhaft in Ulanow zur Welt. Seine Eltern, der Kaufmann Ascher Tugendhaft und dessen Frau Mattel, geborene Baumann, hatten noch fünf weitere Kinder: Hennel (1872-1941), Hermann Hersch (1878-1964), Pessel (1882-1941) und Jakob Leib Tugendhaft (1886-1942).

Saul Tugendhaft heiratete 1913 in Ulanow Sara Abend. Seine Frau war am 16. September 1889 ebenfalls in Ulanow zur Welt gekommen. Kurz nach der Hochzeit zog das Paar nach Berlin. Dort kam am 22. Juli 1914 der Sohn Max zur Welt. Als der Erste Weltkrieg begann war seine Frau schwanger. Sie wollte nicht, dass Saul Tugendhaft als Soldat kämpfen musste, daher ging die Familie für die Dauer des Krieges in die Niederlande. Dort wurde seine Tochter Frieda Auguste geboren.

Im Jahr 1920 zog Saul Tugendhaft mit seiner Familie nach Düsseldorf. Hier wohnte bereits seine Schwiegermutter Hanna (Chana) Abend. Seine Eltern lebten dagegen immer noch in Ulanow.

Am 13. August 1923 kam in Düsseldorf die Tochter Gisela Naomi zur Welt. Saul Tugendhaft verdiente seinen Lebensunterhalt als Reisender (Wäsche). Die Familie wohnte in der Bilker Allee 241. Saul Tugendhaft sorgte dafür, dass auch seine Kinder sehr religiös erzogen wurden. Ihr Rabbiner war Dr. Jakob Horowitz, der seine Synagoge in der Kreuzstraße hatte. Die große, liberale, Synagoge besuchten er und seine Frau nie. Zu Hause sprach er mit seinen Kindern jiddisch, die Kinder antworteten auf Deutsch. Im Sommer flanierten sie mit der Familie über die Königsallee, durchquerten den Hofgarten bis an den Rhein. Seine jüngste Tochter erinnerte sich in einem Interview mit der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf an ihre Kindheit: „Neujahr war sehr schön, wenn man abends herauskam. Meine Eltern, so wenig assimiliert, wie sie waren, aber Neujahr war man immer wach, bis das Feuerwerk anfing. Das gehört zu den schönen Erinnerungen. In der Bilker Allee hatten wir nette Nachbarn, die keine Kinder hatten, die haben uns eingeladen zur Bescherung zu Weihnachten. Mein Vater durfte davon nichts wissen, aber die Mutter wusste es.“

Am 17. Dezember 1931 verstarb seine Schwiegermutter Hanna Abend in Düsseldorf. Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich kontinuierlich der Alltag der Familie. Im Düsseldorfer Adressbuch war Saul Tugendhaft ab 1934 mit der Adresse Graf-Adolf-Straße 86 verzeichnet. Seine Kinder sahen keine Perspektive mehr im nationalsozialistischen und judenfeindlichen Deutschland. 1936 emigrierte sein Sohn Max und seine älteste Tochter Frieda nach Palästina.

Am 28. Oktober 1938 klingelte es in der Nacht bei Saul Tugendhaft. Polizisten kamen in die Wohnung und forderten ihn und seine Frau und die jüngste Tochter auf, innerhalb von zehn Minuten im Polizeipräsidium zu erscheinen. Am nächsten Tag wurden sie zusammen mit anderen vormals polnischen jüdischen Familien in einem Personenzug an die deutsch-polnische Grenze deportiert. Mit ihm Zug saßen viele befreunde oder mit ihnen verwandte Familien: Familie Kanarek, Familie Abend und Familie Hirsch. Seine Tochter erinnerte sich in dem Interview mit der Mahn- und Gedenkstätte an die Fahrt: „Wir fuhren in einem normalen Personenzug. Es waren nur Ostjuden drin, und wir fuhren sehr, sehr lange. Für meine Eltern war es sehr schlimm, dass sie am Samstag fahren mussten, denn sie waren sehr fromme Leute.“

Im deutsch-polnischen Niemandsland in der Nähe des Ortes Zbaszyn harrten sie mehrere Monate aus. „Wir wohnten in einem kleinen Zimmer, meine Mutter, mein Vater und ein Cousin von mir, der hieß Josef Abend“. Im August 1939 erhielt Saul Tugendhaft die befristete Erlaubnis, nach Deutschland zurückzukehren, weil er als Reisender noch Außenstände hatte. Am 20. Juli 1939 wurde er im Hausbuch Kurfürstenstraße 59 in Düsseldorf als Untermieter bei der Familie Fiszmann registriert. Es wurde ebenfalls verzeichnet, dass er eine zweiwöchige Aufenthaltsgenehmigung habe. In dieser Zeit begann der Zweite Weltkrieg. Im Hausbuch wurde vermerkt, dass sich Saul Tugendhaft am 12. September 1939 nach Berlin abgemeldet habe. Letztlich flüchtete er aber in die Niederlande zu Bekannten. Am 28. August 1940 wohnte er in Amsterdam in der Blasiusstraat 64 hs. Ab dem 25. November 1940 war Saul Tugendhaft in der Muidergracht 45 gemeldet.

Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande, geriet Saul Tugendhaft am 15. Januar 1941 in einer Kontrolle und wurde als unangemeldeter Flüchtling in das damalige Flüchtlingslager nach Westerbork gebracht. Offiziell angemeldet wurde er dort am 28. Januar 1941. Dort war er noch, als das Lager zu einem Judendurchgangslager wurde. Auf seiner Karteikarte wurde vermerkt, dass er ein „Oude Kampbewoner“ war. Aus dem Durchgangslager Westerbork deportierte man ihn am 1. Dezember 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Kurz nach der Befreiung des Lagers verstarb er am 15. April 1945 – in einem Zug zwischen Lüneburg und Büchen – an Typhus.

Seine Frau Sara Tugendhaft war im Sommer 1939 nicht mit ihm nach Düsseldorf zurückgekehrt, sondern in Polen geblieben und bei Kriegsausbruch zu Verwandten nach Lemberg geflohen. Dort blieb sie bis der Krieg gegen Rußland begann. Sie wurde nach Sibirien deportiert, überlebte und kam 1947 schwer krank zu ihren Kindern nach Palästina, wo sie einige Monate später starb. Seine jüngste Tochter Gisela war bereits auf Grund eines Zertifikats im Frühjahr 1939 von Polen aus nach Palästina emigriert.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf