Pineas, Mathilde (Tilly)
geb. HolzmannMathilde Holzmann, die auch Tilly genannt wurde, kam am 10. Februar 1899 als Tochter von Isidor und Helene Holzmann, geborene Mayer, zur Welt. Sie hatte zwei jüngere Geschwister: Ernst (geboren 1900) und Irma (geboren 1906). Ihr Vater Isidor Holzmann unterhielt ein Modegeschäft in der Louisenstraße 48, der Hauptgeschäftsstraße des Ortes. Er hatte das väterliche Geschäft 1898 zusammen mit seinem Bruder Adolf Holzmann übernommen. Ihr Großvater Moses Mayer verstarb am 19. November 1927 im Alter von 84 Jahren in Bad Homburg.
Am 15. Juni 1934 heiratete Mathilde Holzmann in Bad Homburg vor der Höhe den Kaufmann Leo Pineas. Ihr Ehemann war am 24. April 1897 in Düsseldorf als Sohn des Ehepaars Aron und Therese Pineas, geborene Oppenheimer, zur Welt gekommen. Am 7. Juli 1934 zog ihr Mann von seinem Elternhaus in der Elisabethstraße 54 in die Klever Straße 31. Tilly Pineas zog von Bad Homburg kommend zu ihm am 10. Juli 1934. Sie wohnten in der dritten Etage.
Am 31. Juli 1935 verstarb ihr Vater Isidor Holzmann in Bad Homburg im Alter von 66 Jahren. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bad Homburg am 2. August 1935 begraben.
Am 4. Juni 1936 zog ihr Bruder Ernst Holzmann von der Kaiserswerther Straße 156 zu ihnen in die Klever Straße 31. Er bezog eine Wohnung in der fünften Etage des Hauses. Am 19. Januar 1937 gab es ein schönes Ereignis zu feiern: Tilly Pineas Tochter Hannelore wurde geboren.
Ihre Mutter Helene Holzmann zog am 25. Juni 1938 mit ihrer erwachsenen Tochter Irma zu ihnen ins Haus Klever Straße 31. Im Zuge des Pogroms im November 1938 wurde Tilly Pineas und ihre Familie in der Wohnung überfallen. Die Möbel wurden mit Beilen zerschlagen, die Vorhänge zerschnitten und alles durch die zerhackten Fensterkreuze auf die Straße geworfen.
Ihre Schwiegermutter Therese Pineas zog am 26. November 1938 von Düsseldorf nach Berlin. Dort wohnte ihr Schwager Dr. med. Hermann Pineas mit seiner zweiten Frau Hertha, geborene Appel. Ihre Schwiegermutter lebte fortan in seinem Haushalt in der Levetzowstraße 11a in Berlin Moabit. Ihr Schwager Dr. Hermann Pineas notierte 1946 in seinem Lebensbericht: „Am 6. November 1938 war ich zum 90. Geburtstag von Louis Cohen, dem Vater meines guten Freundes Josef in Düsseldorf, und auch zum Gottesdienst in der Synagoge. Mit Mutter war verabredet worden, dass sie baldigst zu uns nach Berlin ziehen sollte, da vorauszusehen war, dass man ihr als einzelner Frau die Wohnung, in der sie seit 1897 gewohnt hatte, nicht länger belassen würde. Im Zuge der Rath-Aktion zerstörte man der 78-jährigen Frau heldenhaft die Wohnung, sodass sie noch im selben Monat schweren Herzens zu uns nach Berlin übersiedelte.“
Ihr Bruder Ernst Holzmann emigrierte am 15. Juni 1939 nach Großbritannien. Ihre Schwester Irma folgte ihm am 11. August 1939. Ob auch Tilly Pineas die Emigration ihrer Familie plante, ist nicht bekannt, aber gut möglich. Möglicherweise musste ihr Ehemann Leo Pineas zuletzt Zwangsarbeit im „geschlossenen jüdischen Arbeitseinsatz“ in Düsseldorf leisten. Auf der Deportationsliste wurde sein Beruf mit „Schlosser“ angegeben. Am 10. November 1941 wurde Tilly Pineas mit ihrem Mann und der vierjährigen Tochter Hannelore vom Düsseldorfer Güterbahnhof Derendorf ins Ghetto Minsk deportiert. Sie haben nicht überlebt.
Nach ihrer Deportation zog ihre Mutter am 5. Januar 1942 von der Klever Straße 31 in die Kreuzstraße 58. Sie wurde am 21. Juli 1942 von Düsseldorf ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Von dort kam sie mit einem Transport am 21. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka und wurde nach der Ankunft ermordet. Ihre Schwiegermutter Therese Pineas war einige Tage zuvor aus Berlin am 14. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Sie verstarb im Ghetto am 2. Juli 1944. Ihr Schwager Hermann Pineas überlebte versteckt ab März 1943 mit seiner zweiten Ehefrau die NS-Zeit.