Gedenkbuch

Kussel, Marianne

geb. Wolff

Marianne Kussel kam am 11. Juni 1891 in Aurich als zweitältestes Kind des Metzgers Wolff Levy Wolff und seiner Frau Fanni, geborene Jakob, zur Welt. Sie hatte eine ältere Schwester: Regina war am 14. April 1890 zur Welt gekommen. Als Marianne zwei Jahre alt war, wurde ihre Schwester Auguste geboren. Ihr Bruder Ino kam 1896 in Aurich zur Welt. Mariannes Vater arbeitete als Metzger und Viehhändler. 1896 wurde die Viehhandelsfirma Benjamin Levy Wolff und Co. in Aurich ins Handelsregister eingetragen. Den Betrieb führten neben Benjamin Wolff, Mariannes Vater und Joseph Levy Wolff, der nicht in Aurich, sondern in Sandhorst lebte. Die Familie wohnte im eigenen Haus in Aurich in der Wallstraße 8/10.

Im Jahr 1920 heiratete Marianne Wolff den Metzger und Viehhändler Hugo Kussel. Ihr Mann stammte aus Gruiten. Dort war er am 16. Februar 1894 zur Welt gekommen. Seit dem 27. Mai 1920 war er in Aurich offiziell gemeldet. Nach der Hochzeit lebten Marianne und Hugo Kussel in Aurich. Ihr Mann gründete dort seinen eigenen Viehhandel. Zunächst wohnen sie im Haus Wallstraße 10. Am 29. Juni 1922 kam ihre Tochter Netta zur Welt. Nach diesem freudigen Ereignis folgte ein trauriges. Am 22. Dezember 1924 verstarb ihr Vater Wolf Levy Wolff. Der 68-Jährige wurde auf dem jüdischen Friedhof in Aurich begraben.
Am 18. Februar 1925 wurde die zweite Tochter, Elfriede, in Aurich geboren. Die Erziehung der Töchter und den nun vierköpfigen Haushalt musste Marianne Kussel nicht alleine bewältigen, ein Hausmädchen half ihr dabei.

Im Jahr 1927 verfasste Dr. Karl Anklam einen Aufsatz über die „Judengemeinde in Aurich“. Darin schrieb er: „In der Stadt Aurich besteht eine verhältnismäßig große jüdische Gemeinde (7 % der Bevölkerung). (…) 1911 fand eine Renovierung der Synagoge statt.“ Vermutlich waren auch Marianne Kussel und ihre Familie rege Mitglieder der Jüdischen Gemeinde.
1930 zog die Familie in das Haus Marktstraße 2. Am 2. November 1931 verstarb ihre Mutter Fanni Wolff in Aurich. Sie war 73 Jahre alt geworden.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 litt die Familie Kussel zunehmend unter den Boykottmaßnahmen gegen jüdische Betriebe.

Am 24. Mai 1936 zog die 14-jährige Tochter Netta nach Mannheim. Dort wohnte Marianne Kussels Schwester Auguste mit ihrem Ehemann Max Sommer.

Marianne Kussel wohnte mit ihrer Familie ab Januar 1938 in der Marktstraße 18. Auch dieses Haus gehörte ihrer Familie. Hier wohnte der alleinstehende Bruder ihres Vaters, Wolff Jacob Wolff. Die Zeit vom 10. Juni bis zum 27. Juli 1938 verbrachte ihre ältere Tochter Netta noch einmal bei ihnen in Aurich. Dann meldete sie sich zunächst nach Oldenburg und von dort nach Havelberg ab. Ihr gelang rechtzeitig die Ausreise nach Schweden.

In der Nacht vom 9. Auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge in der Kirchstraße 47 in Aurich von SA-Männern angezündet. In die Wohnhäuser jüdischer Familien wurde eingebrochen und die Einrichtung zerstört. Die jüdischen Familien wurden aus ihren Häusern getrieben und in der Landwirtschaftlichen Viehhalle eingesperrt. Später wurden vor allem Männer mit erzwungenen „Sport-Übungen“ gedemütigt und gequält. Gegen Ende des Tages wurden 42 Männer in „Schutzhaft“ genommen und letztlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Auch ihr Ehemann wurde verhaftet und über Oldenburg in das KZ Sachsenhausen deportiert. Am 17. Dezember 1938 konnte er zu seiner Familie nach Aurich zurückkehren.

Da der Betrieb ihres Mannes aufgegeben werden musste, arbeitete ihr Ehemann 1939 in Wilhelmshaven. Nur an den Wochenenden kann er seine Frau und seine Tochter in Aurich sehen.
Ihre jüngere Tochter Elfriede meldete sich am 27. Juli 1939 aus Aurich nach Hannover ab. Dort ist sie kurzzeitig gemeldet. Sie besuchte dann in Spreenhagen das Lehrgut „Gut Winkel“ und absolviert dort einen Vorbereitungskurs für eine Auswanderung nach Palästina.

Am 27. Februar 1940 zog Marianne Kussel mit ihrem Ehemann von Aurich nach Düsseldorf. Ihr Elternhaus hatte die Familie am Vortag verkauft. Es war an alle jüdischen Einwohner die Aufforderung ergangen, bis zum 1. April 1940 Ostfriesland zu verlassen. Sie bezogen eine Wohnung im Haus Klever Straße 29. Ihre Schwester Regine mit ihrem Mann Benno Wolff zogen ebenfalls aus Aurich nach Düsseldorf. Sie wohnten anschließend in der Steinstraße 33.

Als das Lehrgut „Gut Winkel“ 1941 auf Anweisung der Nationalsozialisten geschlossen wurde, kehrte Elfriede zu ihren Eltern nach Düsseldorf zurück. Laut Deportationsliste wohnte sie jedoch nicht bei ihren Eltern, sondern in der Klever Straße 29. Als letzte Adresse von Marianne und Hugo Kussel ist auf der Deportationsliste Düsselkämpchen 2 vermerkt.

Am 10. November 1941 wurden Marianne, Hugo und Elfriede Kussel zusammen mit ihren Verwandten Regina und Benno Wolff von Düsseldorf ins Ghetto von Minsk deportiert. Keiner von ihnen hat überlebt. Die Spur ihres Mannes Hugo Kussel verliert sich erst im August 1944 im KZ Mittelbau-Dora.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf