Gedenkbuch

Goldstein, Ruth Senta

geb. Boas

Ruth Senta Boas kam am 25. Juli 1911 in Berlin-Wilmersdorf zur Welt. Ihre Eltern Felix und Mary Boas, geborene Levy, hatten im Oktober 1910 geheiratet. Ihr Vater stammte aus Schubin, ihre Mutter Mary war gebürtige Hamburgerin. Sie hatten keine weiteren Kinder. Zum Zeitpunkt von Ruths Geburt wohnte die Familie in Berlin in der Pfalzburgerstraße 7. In den 1920er Jahren lebte die Familie Boas bereits in Düsseldorf. Eine der ersten Adressen in Düsseldorf ist Engerstraße 11.

Ruths Vater gründete 1925 eine Lederwarenfabrik für feine Lederwaren Offenbacher Art zusammen mit dem Kaufmann Hugo Markus in Düsseldorf. Die Firma befand sich in der Elisabethstraße 42. Im Folgejahr eröffnete ihr Vater zusätzlich ein Lederwaren-Etagengeschäft in der Einkaufsstraße am Wehrhahn 13. Im November 1927 konnte die Firma ein Konkursverfahren nach einem Zwangsvergleich abwenden. Im April 1929 war die Firma ganz aufgegeben worden. Zu diesem Zeitpunkt zog ihre Tante Pauline Heipertz, geborene Levy, kurzzeitig zu ihnen in die Roßstraße 20.

Als Ruth Boas 18 Jahre alt war verstarb am 8. Mai 1930 ihr Vater Felix Boas im Alter von 63 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt wohnte die Familie immer noch in der Roßstraße 20. Ihr Vater wurde auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Ulmenstraße begraben. Nach dem Tod des Vaters zog Ruth Boas mit ihrer Mutter Mary in die Stockkampstraße 34. In dem Haus wohnte auch der Polizeihauptwachmeister Heinrich Metzmacher. Dieser war 1933 in die NSDAP eingetreten. In seiner Entnazifizierungsakte stellte er sich nach dem Krieg als NSDAP-kritisch da. In seiner Erklärung vom 7. Mai 1946 an den Prüfungsausschuss schrieb er: „In die NSDAP trat ich am 1. Mai 1933 ein und übernahm am 1.12.1935 einen Posten als Blockhelfer, den ich bis zum 1.12.1938 ausübte. Nach der Judenaktion im November 1938 habe ich mich nicht mehr um den Parteikram gekümmert. Ebenfalls wurde mir ein schwerer Vorwurf gemacht, weil ich mit Juden in einem Haus wohnte und der Hausbesitzer ein Jude war. Ganz besonders wurde gerügt, weil eine jüdische Familie Boas am 13. November 1934 an meiner silbernen Hochzeitsfeier teilnahm.“

Am 7. November 1935 beherbergten Ruth Boas und ihre Mutter wieder einige Monate ihre nun geschiedene Tante Pauline Heipertz bei ihnen. Am 29. August 1936 meldete sie sich dann in ihre Geburtsstadt Hamburg ab.
In der Stockkampstraße betrieb ihre Mutter einen Pelz- und Kleiderverkauf. Im Oktober 1936 inserierten Mary und Ruth Boas einige Anzeigen für günstige Pelzmode. Am 17. April 1938 verlobte sich Ruth Boas mit dem Kaufmann Rudi Goldstein. Er wohnte in Karlsruhe in der Kaiserstraße 50 zusammen mit seiner verwitweten Mutter Anna Goldstein. Ihr Verlobter zog am 25. Juli 1938 zu ihnen nach Düsseldorf. Am 21. August 1938 heirateten sie im jüdischen Gemeindehaus in der Grafenberger Allee 78. Ihr Ehemann stammte aus Ruda in Oberschlesien, wo er am 2. September 1904 als Sohn von Georg und Anna Goldstein, geborene Kamm, zur Welt gekommen war. Wie Ruth ihren Ehemann kennenlernte, ist leider nicht bekannt.

Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurden Ruth Goldstein und ihre Familie in der Wohnung in der Stockkampstraße 34 überfallen. Ihr Ehemann Rudi Goldstein wurde verhaftet und ins Düsseldorfer Polizeigefängnis gebracht. Dort blieb er zusammen mit den anderen Verhafteten bis zum 16. November 1938. Am nächsten Tag wurde er mit weiteren Düsseldorfern in das Konzentrationslager Dachau überführt. Er erhielt dort die Häftlingsnummer 29454. Am 17. Dezember 1938 wurde ihr Ehemann wieder aus der KZ-Haft entlassen.

Am 17. April 1939 zog Ruth Goldstein mit ihrem Mann und ihrer Mutter nach Hamburg. Dort lebten noch Verwandte ihrer Mutter. Die letzte Adresse von Ruth Goldstein und ihrem Ehemann war Rutschbahn 25 im Hamburger Stadtteil Rotherbaum. Auf der Deportationsliste wurde vermerkt, dass die beiden zur Untermiete bei „Lorenz“ wohnten. Gemeint war vermutlich das jüdische Ehepaar Adolf und Franziska Lorenz mit ihrer Tochter Erika. Sie wurden mit dem gleichen Transport deportiert. Adolf Lorenz musste sei 1939 Zwangsarbeit im Rahmen des sogenannten geschlossenen jüdischen Arbeitseinsatzes. Als Beruf für Ruth Goldstein ist auf der Liste „Arbeiterin“ verzeichnet. Möglicherweise musste sie und vermutlich auch ihr Ehemann in den Monaten vor der Deportation ebenfalls Zwangsarbeit leisten. Ihre Mutter Mary Marianne Boas meldete sich „freiwillig“ zur gleichen Deportation. Vermutlich wollte die 60-Jährige nicht alleine in Hamburg zurückbleiben. Ihre letzte Adresse in Hamburg war Frickestraße 24. Nach der Deportation in das Ghetto Minsk am 8. November 1941 verliert sich die Spur von Ruth Goldstein, ihrem Mann und ihrer Mutter. Sie haben nicht überlebt.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf