Gedenkbuch

Boas, Mary Mariane

geb. Levy

Am 17. Juni 1881 wurde Mary Levy in Hamburg geboren. Auf ihrer Geburtsurkunde wurde als Vorname Mariane vermerkt. Sie war das vierte Kind des Wagenfabrikanten Eduard Levy und seiner Frau Sara, geborene Bauer. Die Familie wohnte in Hamburg im eigenen Haus Große Drehbahn 6. Mary hatte drei ältere Schwestern: Minna (1871-1944), Henriette (1876-1935) und Emilie (1878-deportiert 1941). Am 27. Juli 1882 wurde ihre Schwester Jeanette geboren. Sie verstarb als Kleinkind im Januar des Folgejahres. Als Mary drei Jahre alt war, wurde am 3. August 1884 ihr Bruder James geboren. Ihm folgte am 25. Januar 1885 die Schwester Julie. Danach kam Marys Schwester Alice am 26. Februar 1888 in Hamburg zur Welt. Doch das Baby verstarb knapp zwei Monate später. Zuletzt wurde am 26. September 1889 ihre Schwester Pauline, genannt Paula, geboren. So wuchs Mary letztlich mit sechs Geschwistern in Hamburg auf.

Ihr Vater Eduard Levy war Mitinhaber der Firma „Gebrüder Levy“, einer „Luxus-Wagenfabrik“. Als Mary 17 Jahre alt war, verstarb ihr Vater in Hamburg. In der Todesanzeige im Hamburger Fremdenblatt vom 4. September 1898 hieß es: „Statt besonderer Meldung. Heute Nacht starb plötzlich und unerwartet am Herzschlag Herr Eduard Levy im 59. Lebensjahre. Schmerzlich beweint von seiner tiefgebeugten Gattin, seinen Kindern, Geschwistern und Verwandten. Beerdigung: Sonntag 1 Uhr vom Sterbehause Gr. Drehbahn 6, nach Ohlsdorf.“
Das „Levys Wagen-Magazin“ wurde nun zunächst von ihrer Mutter weitergeführt. Prokura gab ihre Mutter im Oktober 1898 wieder an Jakob Levy zu Wandsbeck. Dieser war eigentlich 1895 aus dem Betrieb ausgeschieden und ihr verstorbener Mann und sein Bruder Lesser Levy hatten die Geschäftsführung inne.

Mary Levy heiratete im Oktober 1910 den Kaufmann Felix Philipp Boas. Ihr Mann stammte aus Exin, Kreis Schubin, wo er am 1. Mai 1867 zur Welt gekommen war. Er war bereits einmal verheiratet gewesen und hatte vier Kinder aus erster Ehe. Sein 1901 geborener Sohn Kurt (später Curt Bois), beschrieb seinen Vater als Spieler und reisenden Lederwarenvertreter, der seine Mutter Martha Boas mit den vier Kinder allein gelassen hätte. Im Jahr 1907 hatte dann Martha Boas den Berliner Bühnenautor Albert Bernstein-Sawersky geheiratet. Erst als die Scheidung am 27. August 1910 rechtskräftig geworden war, konnte Felix Boas Mary Levy heiraten.

Mary Boas zog aus Hamburg zu ihrem Ehemann nach Berlin. Dort wurde am 25. Juli 1911 die Tochter Ruth Senta geboren. Sie blieb das einzige Kind der beiden. Zum Zeitpunkt von Ruths Geburt wohnte die Familie in Berlin in der Pfalzburgerstraße 7. In den 1920er Jahren lebte die Familie Boas bereits in Düsseldorf. Eine der ersten Adressen in Düsseldorf war das Haus in der Engerstraße 11. Ihr Ehemann Felix Boas gründete 1925 eine Lederwarenfabrik für feine Lederwaren Offenbacher Art zusammen mit dem Kaufmann Hugo Markus in Düsseldorf. Die Firma befand sich in der Elisabethstraße 42. Im Folgejahr eröffnete ihr Mann zusätzlich ein Lederwaren-Etagengeschäft in der Einkaufsstraße am Wehrhahn 13. Im November 1927 konnte die Firma ein Konkursverfahren nach einem Zwangsvergleich abwenden. Im April 1929 war die Firma ganz aufgegeben worden. Zu diesem Zeitpunkt zog ihre jüngste Schwester Pauline Heipertz, geborene Levy, kurzzeitig zu ihnen in die Roßstraße 20. Ihre Ehe befand sich zu diesem Zeitpunkt in Scheidung.

Am 8. Mai 1930 verstarb ihr Mann Felix Boas im Alter von 63 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt wohnte Mary Boas mit ihrer 18-jährigen Tochter immer noch in der Roßstraße 20. Ihr Ehemann wurde auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Ulmenstraße begraben.

Nach dem Tod ihres Mannes zog Mary Boas mit ihrer Tochter in die Stockkampstraße 34. In dem Haus wohnte auch der Polizeihauptwachmeister Heinrich Metzmacher. Dieser war 1933 in die NSDAP eingetreten. In seiner Entnazifizierungsakte stellte er sich nach dem Krieg als NSDAP-kritisch da. In seiner Erklärung vom 7. Mai 1946 an den Prüfungsausschuss schrieb er: „In die NSDAP trat ich am 1. Mai 1933 ein und übernahm am 1.12.1935 einen Posten als Blockhelfer, den ich bis zum 1.12.1938 ausübte. Nach der Judenaktion im November 1938 habe ich mich nicht mehr um den Parteikram gekümmert. Ebenfalls wurde mir ein schwerer Vorwurf gemacht, weil ich mit Juden in einem Haus wohnte und der Hausbesitzer ein Jude war. Ganz besonders wurde gerügt, weil eine jüdische Familie Boas am 13. November 1934 an meiner silbernen Hochzeitsfeier teilnahm.“

Am 7. November 1935 beherbergten Mary Boas wieder einige Monate ihre Schwester Pauline Heipertz bei ihnen. Am 29. August 1936 meldete sich diese dann in ihre Geburtsstadt Hamburg ab. In der Stockkampstraße betrieb Mary Boas einen Pelz- und Kleiderverkauf. Im Oktober 1936 inserierte sie einige Anzeigen für günstige Pelzmode. Am 17. April 1938 verlobte sich ihre Tochter Ruth Boas mit dem Kaufmann Rudi Goldstein. Ihr künftiger Schwiegersohn wohnte in Karlsruhe in der Kaiserstraße 50 zusammen mit seiner verwitweten Mutter Anna Goldstein. Er zog am 25. Juli 1938 zu ihnen nach Düsseldorf. Am 21. August 1938 heirateten sie im jüdischen Gemeindehaus in der Grafenberger Allee 78. Ihr Schwiegersohn stammte aus Ruda in Oberschlesien, wo er am 2. September 1904 als Sohn von Georg und Anna Goldstein, geborene Kamm, zur Welt gekommen war. Wie ihre Tochter ihn kennengelernt hatte, ist leider nicht bekannt.

Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde Mary Boas und ihre Familie in der Wohnung in der Stockkampstraße 34 überfallen. Ihr Schwiegersohn Rudi Goldstein wurde verhaftet und ins Düsseldorfer Polizeigefängnis gebracht. Dort blieb er zusammen mit den anderen Verhafteten bis zum 16. November 1938. Am nächsten Tag wurde er mit weiteren Düsseldorfern in das Konzentrationslager Dachau überführt. Er erhielt dort die Häftlingsnummer 29454. Am 17. Dezember 1938 wurde er wieder aus der KZ-Haft entlassen.

Am 17. April 1939 zog Mary Boas mit Tochter und Schwiegersohn nach Hamburg. Dort lebten noch ihr Bruder James Levy und ihre Schwester Emilie, verheiratete Block. Mary Boas letzte Adresse in Hamburg war Frickestraße 24. Die letzte Adresse ihrer Tochter Ruth Goldstein war Rutschbahn 25 im Hamburger Stadtteil Rotherbaum. Auf der Deportationsliste wurde vermerkt, dass sie mit ihrem Ehemann zur Untermiete bei „Lorenz“ wohnten. Gemeint war vermutlich das jüdische Ehepaar Adolf und Franziska Lorenz mit ihrer Tochter Erika. Sie wurden mit dem gleichen Transport deportiert. Adolf Lorenz musste sei 1939 Zwangsarbeit im Rahmen des sogenannten geschlossenen jüdischen Arbeitseinsatzes. Als Beruf für ihre Tochter Ruth Goldstein ist auf der Liste „Arbeiterin“ verzeichnet. Möglicherweise musste sie in den Monaten vor ihrer Deportation nach Minsk ebenfalls Zwangsarbeit leisten.

Mary Marianne Boas meldete sich „freiwillig“ zur Deportation nach Minsk. Vermutlich wollte die 60-Jährige nicht alleine in Hamburg zurückbleiben. Nach der Deportation am 8. November 1941 verliert sich die Spur von Mary Boas und ihrer Tochter Ruth Goldstein und ihrem Schwiegersohn. Sie haben nicht überlebt. Marys Geschwister James und Emilie wurden am 6. Dezember 1941 von Hamburg nach Riga deportiert. Auch sie haben nicht überlebt.

Autorin: Hildegard Jakobs, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf